Bücherei-Jubiläum in Dietrichsdorf

Von der Volksbücherei 1909 zur ehrenamtlich organisierten Stadtteilbücherei 2009

“Dem Gemeinde Vorsteher wird einstimmig die Ermächtigung erteilt, die Volksbibliothek am 1. Januar 1909 ins Leben zu rufen und nach den vorgeschlagenen Richtungen auszubauen.” Mit diesem im November 1908 gefassten Beschluss hat die Gemeindevertretung Neumühlen-Dietrichsdorf für Kiel Geschichte geschrieben – eine, die bis heute Bedeutung hat. Denn der damals zum Kreis Bordesholm gehörige selbstständige Ort hat die Grundlage geschaffen für eine Bildungseinrichtung, die nun genau 100 Jahre besteht: Am 1. November 1909 startete die Buchausleihe in der Schönkirchener Straße 48 mit genau 350 Medien.

Angesichts der nahezu 12.000 Medien, die jetzt in der Stadtteilbücherei Neumühlen-Dietrichsdorf vorrätig sind, gewiss eine bescheidene Auswahl. “Zu jener Zeit war dies aber sicherlich eine gewaltige Investition, die den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte legte”, betont Peter Schümann. Spätestens heute wisse man, was eine Bildungs- und Kultureinrichtung dieser Art für die Gesellschaft bedeute, ist der Stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Stadtteilbücherei Neumühlen-Dietrichsdorf sicher. Mit rund 30 Ehrenamtlichen habe man die Bücherei der Stadt vor gut drei Jahren vor der Schließung bewahrt. “Sonst könnten wir das Jubiläum jetzt nicht feiern”, so Schümann.

Auch sonst lohnen Vergleiche: 38 Leser im Jahr 1909 stehen heute gut 500 Nutzer gegenüber. Um Bücher ausleihen zu können, hatte man anfangs die Wahl, sich durch Vorlage eines Ausweises oder eine Bürgschaft zu legitimieren. Aber die Gebührenordnung ließ vor 100 Jahren noch zu, dies “mit 3 Mark Unterpfand” zu umgehen. Heute hilft da nur der profane “Perso”. Einfacher ist es heute beim Bezahlen: Erwachsene kaufen ihren Jahresausweis für nur 18 €, früher waren 10 Pfennig für die Leihkarte und zusätzlich 15 Pfennig monatliches Lesegeld zu zahlen. “Kostenfreies Entleihen für Kinder und Jugendliche gab es seinerzeit nicht – aber heute!”, freut sich der Verein, einen besonderen Beitrag zu leisten, um die Lesebegeisterung zu fördern.

Mit Bärbel Lubert und Karin Lüke begaben sich zwei Vereinsmitglieder auf Spurensuche in Sachen Büchereigründung und -entwicklung. “Leider gab es im Stadtarchiv nur wenige Dokumente, die aber dennoch einen groben Überblick ermöglichen”, sind beide mit dem Ergebnis dennoch zufrieden. Auch die Leitung der Stadtbücherei konnte noch einige Dokumente beisteuern.

Vergleicht man die Buchbestände von 1909 und 2009, ist verständlich, dass seinerzeit in der Regel nur zwei Bücher ausgeliehen werden konnten. Heute ist es durchaus möglich, mit einer Sackkarre zu erscheinen, um sich einzudecken. Schließlich gibt es bei der Ausleihe auch keine Unterscheidung mehr in “Belehrende Literatur” und “Schöne Literatur” wie in Bücherei-Urzeiten. Erstgenannte heißt heute nur noch ganz schlicht “Sachliteratur”.

Vier zeitliche Marksteine hat die Bücherei zu verzeichnen. Da war zunächst 1924 die Eingemeindung mit der Verpflichtung Kiels, die Bücherei als damals erste Zweigstelle der Stadtbücherei weiter zu betreiben. Außerdem gab es in den Wirren des Krieges Bombentreffer und Umzüge in den Hohlweg und den Langensaal. Dann der Neubeginn 1957 am Eekberg – er sollte die Bücherei auch für andere Veranstaltungen öffnen. Das Kulturzentrum nahe dem damals als „Rentnerwohnheim” bezeichneten Hochhaus war aber schon nach kurzer Zeit zu klein, um andere Nutzungen zu ermöglichen. Es gab 1960 einen Anbau, aber Pläne der Verlagerung in das Neubaugebiet am Masurenring wurden nicht realisiert. Schließlich drohte 2004 eine gänzliche Schließung, als die Stadt händeringend nach Einsparmöglichkeiten suchte. Sechs ihrer Bücherei-Zweigstellen sollten nicht weiter betrieben werden. So auch in Neumühlen-Dietrichsdorf. “Da gab es hier wie in anderen Stadteilen heftige Proteste”, erinnert sich Peter Schümann. Einer privaten Initiative folgte eine Arbeitsgemeinschaft und kurze Zeit später ein Verein, der schließlich die Stadt überzeugte, den Standort zu erhalten.

Die besagten 30 Ehrenamtlichen kümmern sich um den Ausleihbetrieb, organisieren Veranstaltungen und sind gewissermaßen das Bindeglied vor Ort. “Es läuft gut, aber bei weitem nicht optimal”, betont Vereinsvorsitzende Dorothea Bauch, die nach einjährigem USA-Aufenthalt jetzt wieder dabei ist. “Unsere Forderung, die Hauptamtlichkeit wieder herzustellen, bleibt bestehen”, lautet ihre Kernforderung. Das hatte man übrigens schon 1930 so gesehen: “Zur Zweigstelle Neumühlen ist zu sagen, dass bessere Resultate erzielt würden, wenn auch hier hauptamtlich gearbeitet würde”, heißt es im damaligen Jahresbericht. “Wie wahr!”, ist Dorothea Bauch überzeugt, das Bildungsangebot noch entscheidend verbessern zu können. “Natürlich aber mit Unterstützung unseres Vereins”, ist sie sicher, dass die gelungene Mischung vor Ort die optimale Lösung sei.

Der vierte Umzug vollzog sich übrigens im Zuge der Umstellung im Jahr 2006: Die Bücherei ist jetzt in der Adolf-Reichwein-Schule (Tiefe Allee 32) zu finden und hat unter Vereinsregie jetzt sogar eine Stunde länger geöffnet als noch zu städtischer Zeit: dienstags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 sowie donnerstags von 15 bis 18 Uhr.

Die Eröffnung der Bücherei im November 1909 wird im Rahmen einer Feierstunde am Sonnabend, 14. November 2009, gewürdigt. Im Anschluss – von 13.00 bis 16.00 Uhr – gibt es einen Tag der offenen Tür mit Informationen und Ausleihbetrieb. Ein Geschenk des Mediendoms der Fachhochschule ermöglicht, dass Erlöse der Veranstaltung “Als der Gulp die Erde einsackte” am gleichen Tag um 15.00 Uhr für die Bücherei verwendet werden können. Karten gibt es im Internet unter www.mediendom.de. Die Dokumentation der Büchereigeschichte ist ab 17. November in der Bücherei erhältlich und auf der Internetseite www.ichlesegern.de zu finden.

Presseinformation vom 30. Oktober 2009 zum Herunterladen.